Der Schauer süßer Gefahr

von Moritz Siebert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 28.01.2012
 

Auftakt der Monospektakel-Reihe mit Effi Briest

 

REUTLINGEN. Sonnenschein, Teich, Platanen und inmitten des romantischen Idylls Effi, die »Tochter der Luft«, auf der Schaukel. Die Mutter prophezeit eine Musterehe, der Vater besorgt die Einrichtung, die Freundinnen neiden und die frisch Verlobte freut sich kindlich über das Abenteuer: »Freilich, jeder wäre der Richtige…« Das Monospektakel-Festival des Reutlinger Theaters in der Tonne, das in die zweite Runde geht, folgt dem Konzept »ein/e Darsteller/in in einem Stück«. Und das funktioniert auch mit Theodor Fontanes Effi Briest, wie Regisseurin Karin Eppler und Tonne-Schauspielerin Chrysi Taoussanis zeigen.

 

Die Romanvorlage komprimiert Eppler auf die wesentlichen Rollen und Handlungsstränge. Das Bühnenbild kommt mit einer Schaukel aus, die nur sporadisch zum Fenstersims oder zur Kutsche umfunktioniert wird und als aufdringliches Symbol für Effis Kindlichkeit und Neigung zu gefährlichen Situationen dient.

 

Effi, nun Frau Baronin von Instetten, bezieht das Haus ihres Gemahls. Ihre einzige Aufgabe in der beschaulichen Kreisstadt Kessin ist die Kontaktpflege zu »mittelmäßigen Menschen von zweifelhafter Liebenswürdigkeit«. Während ihr Gemahl, »ein Mann von Prinzipien und Grundsätzen«, die Karriereleiter weiterklettert, beginnt sich Effi im »Gespensterhaus« zu langweilen – bei ihrem Zeitvertreib (Major von Crampas) lässt sie sich von ihrer Neigung nach dem »Schauer süßer Gefahr« leiten.

 

Textfassung und Regie sehen eine Ausgeglichenheit zwischen beobachtendem Erzählen und einem permanenten Rollenwechsel der einzigen Darstellerin vor. Taoussanis setzt das kongenial um, agiert mit Sicherheit zwischen den Figuren und sorgt sogar für slapstickhafte Momente, etwa wenn sie Dialoge mit unsichtbaren Gesprächspartnern führt oder sich auf Gieshüblers Lieder-Abend ablenken lässt und den Kontakt zum Publikum sucht. Nebenrollen spart Eppler weitgehend aus – es sei denn, sie sind handlungsrelevant oder garantieren besonderen Unterhaltungswert. Köstlich mimt Taoussanis Mutter Luise Briest oder die unerträgliche Sidonie von Grasenabb.

 

Die Regisseurin gibt sich der Versuchung nicht hin, die gesellschaftliche Isolation der Effi mit dem Auftreten nur einer Darstellerin künstlich zu fokussieren. Nach ihrem Verstoß aus Ehe und Familie tritt Effi erst wieder in der Szene des tragischen Wiedersehens mit der Tochter nach drei Jahren auf. Liebesgeschichte, Briefwechsel und Gefühlsstrudel der Kindfrau zwischen der Schaukel im elterlichen Garten und der Kessiner High Society, zwischen »moralischer Unbescholtenheit« und der »Macht des Verbotenen« wird im Zeitraffer abgespielt.

 

Stattdessen rücken Text und Regie den wertenden, von fragwürdiger Moral und Tugend geleiteten Blick der Gesellschaft in den Mittelpunkt. Die Schlussworte lässt Eppler auch den Eltern Briest, deren stumpfes Kommentieren und Reflektieren sie leitmotivisch durch das Stück ziehen lässt: »Ob wir nicht doch schuld sind?« – »Luise lass, das ist ein weites Feld.«

 

Unterm Strich

Theodor Fontanes Effi Briest in Erzähltheater-Version und mit nur einer Darstellerin: Mit kluger, publikumsfreundlicher Regie und einer flexibel, leidenschaftlich und humorvoll agierenden Chrysi Taoussanis funktioniert es.

 

Moral und Gesellschaft

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 28.01.2012

 

REUTLINGEN. Zum Auftakt des zweiten Monolog-Festivals glänzt schon mal die Tonne mit einer formidablen »Effi Briest« im Schnelldurchlauf. Ein locker luftiges »Erzähltheatersolo« mit tragischem Ende.

 

Effi zwischen Jugendträumen, Ehepflicht, Abenteuerlust und preußischen Tugenden. Effi, die Tochter der Lüfte. Effi auf der Schaukel. Effi als gehorsames Kind ihrer Eltern. Effi zwischen »Furcht und Zauber«. Effi als glamouröse Gesellschaftsdame. Effi als Opfer ihrer Langeweile. Effi mit ihrem Freiheitsdrang. Effi mit ihrer Sehnsucht nach Liebe. Effi als Lügnerin. Effi, die Ausgestoßene. Autorin und Regisseurin Karin Eppler hat Fontanes dicken Realismus des 19. Jahrhundertromans für die Tonne auf ein 85-Minuten-Theaterkonzentrat zusammengekocht. Und doch ist alles drin. Die Symbole, die Gefühle, die Briefe, die Sprüche, der Ehebruch, das Geschwätz der Leute auf ihren ewigen Gesellschaftskränzchen. Und Fontanes legendäre Auslassungen und Zweideutigkeiten.

 

 Es geht um Gesellschaft und Moral - »ein weites Feld«, weiß der alte Briest. Das Scheitern an den hohen gesellschaftlichen Ansprüchen. »In dem Augenblick, in dem man merkt, dass man versinkt, ist es schon zu spät.«

 

 Karin Eppler hat für ihr »Erzähltheatersolo« wie auch Fontane eine leichte Feder geschwungen, und dennoch bekommt man die ganze Tragik der jungen Effi zu spüren. Und man hat Mitleid mit ihr, auch wenn die gute Gesellschaft »kein Mitleid hat mit einer, die weiß, was sie tut«. Und die auch noch so blöd ist, die alten Liebesbriefe vom schnieken Major von Crampas aufzubewahren, so dass am Ende doch noch alles rauskommt. Aber vielleicht will sie sich ja letztlich selbst bestrafen für ihre Lügerei, die sie sich nicht verzeihen kann: »Man will vor sich selber bestehen.«

 

 Chrysi Taoussanis zeigt eine Effi, die Opfer ihrer Lebens- und Abenteuerlust wird, die ihrem Karrierestreben, ihrem Dünkel, ihrem Gehorsam und ihrer Naivität völlig entgegenläuft. Die aber auch Opfer der starren Gesellschaftsmoral und des übersteigerten Ehrgefühls ihres Ehemannes ist. Die Schauspielerin jedenfalls spielt alles selbst: den Erzähler, Effi, die Eltern, die Freundinnen, Innstetten, Crampas und die Giftspritze Sidonie von Grasenabb, der Inbegriff der Spießigkeit.

 

Chrysi Taoussanis spricht in verschiedenen Stimmen, erzählt, dialogisiert und singt. Als Effi gibt sie sich kindisch, stürmisch, naiv, glücklich, überschwänglich, leidenschaftlich, gelangweilt, sehnsüchtig, ängstlich und am Boden zerstört - eigentlich eine ganz zeitlose Figur. Effi klettert auf der Bühne herum, unternimmt waghalsige Turnübungen auf der vieldeutigen Schaukel, blättert in Zeitschriften, freut sich an materiellen Dingen und verbreitet gelangweilte Unruhe.

 

Trotz Luft und Licht ziehen bald schon dunkle Wolken auf. Sie plappert und kichert mit ihren Freundinnen, und merkt nicht, dass schon längst der Ernst des Lebens zu Besuch ist. Chrysi Taoussanis wechselt dann wieder im Sekundentakt die Rolle, baut die Schaukel um, ist immer in Bewegung. Als Vater Briest bringt sie das Leben mit wenigen Sprüchen auf den Punkt, als Mutter interpretiert sie so begeistert wie sorgenvoll die Briefe der Tochter. Prakisch im Vorbeigehen wird geheiratet: Baron von Innstetten, eine Jugendliebe ihrer Mutter, deren Träume Effi mit dieser Ehe wohl erfüllen soll.

 

Im Spießernest Kessin wartet auch schon der geheimnisvolle Chinese im Oberstübchen: Spuk, Geheimnis, Angst, Exotik, Untreue, Gefahr. Das Fremde. Das Unerlaubte. Das Unheimliche. »Schauer süßer Gefahr«. Effis dunkle Seite. Der Chinese muss aber auch als Erziehungsmittel von Innstetten herhalten. Innstetten ist »ein Mann von Prinzipien«, der nicht nur fein säuberlich seine Schuhe ordnet, sondern auch versucht, seine »kleine Effi« irgendwie gesellschaftstauglich zu machen: »Man ist ja nicht ein einzelner Mensch.« Major von Crampas wiederum ist ein charmanter Macho und routinierter Schürzenjäger.

 

Chrysi Taoussanis jagt Effis Geschichte durch den Durchlauferhitzer, gestaltet ihre Figuren - außer Sidonie - nicht einmal allzu markant, und zieht die Zuschauer trotzdem oder genau deswegen in ihren Bann. Nichts ist übertrieben und wirkt trotzdem gefühlig. Und so wird die ganze Geschichte zu einer einzigen Schaukelbewegung aus Glück, Unglück und der vagen Hoffnung, dass doch noch alles gut wird. Aber den Gefallen tun einem weder Fontane noch Eppler.

 

Die vielen Gesichter der Chrysi Taoussanis

von Lea Schmid
SCHWÄBISCHE ZEITUNG, 24.11.2013

 

Fontanes Klassiker Effi Briest wird in der evangelischen Kirche Bad Wurzach aufgeführt

 

BAD WURZACH. Mit großer Virtuosität und Charme hat am Freitagabend das Reutlinger Theater »Die Tonne« das Stück Effi Briest inszeniert. Das einmalige Gastspiel fand in der ungewöhnlichen und doch atemberaubenden Kulisse der evangelischen Kirche in Bad Wurzach statt. Unter Regie von Karin Eppler hat Chrysi Taoussanis als Effi Briest das Erzähltheatersolo von Karin Eppler nach Theodor Fontane gespielt.

 

Enrico Urbanek vom Theater Reutlingen erklärte, warum gerade dieses Stück in Bad Wurzach aufgeführt wurde. Bei der Auswahl des Stückes stehe immer die Frage im Raum, was zum Veranstaltungsraum passe. »Effi Briest« sei als Preisträger des Monologfestivals die idealte Wahl für die kleine Bühne gewesen. Und so erfüllte sich sein Wunsch, dass viele Zuschauer kommen würden, die am Theater Gefallen haben und sich am mitreißenden Erzählstrom erfreuen können.

 

Die junge Effi heiratet auf Wunsch ihrer Mutter deren Jugendliebe, Baron von Instetten, und erhält somit Rang und Stellung in der Gesellschaft sowie Wohlstand. Dies ist der temperamentvollen Effi sehr recht, doch verstellt ihr gerade dies den Weg zum Lebensglück, da ihr Gatte kaum zu Hause ist und sie eher kaltherzig behandelt. Weg von zu Hause, lernt die bald junge Mutter den Major von Crampas kennen, mit dem sie eine Liaison beginnt. Doch die moralisch verwerfliche Beziehung fliegt auf. Ihr Mann ersticht den Geliebten und Effi wird der Zugang zum Elternhaus und ihrer geliebten Tochter Anni verwehrt.

 

Chrysi Taoussanis hat dabei nicht nur die Rolle der Effi eingenommen, sondern auch die der restlichen Charaktere; sei es die des kaltherzigen Ehemanns, der kindlich-naiven Freundinnen oder die der verträumten Mutter, der nur der Status in der Gesellschaft etwas zu bedeuten scheint. Virtuos verkörperte sie jede Persönlichkeit und jeden Charakter, sodass es dafür von den Zuschauern am Ende tosenden Applaus gab.

 

Aber nicht nur das Theater »Die Tonne« beeindruckte, sondern auch der ungewöhnliche Veranstaltungsort. Aufgeführt wurde das Stück in der evangelischen Kirche in Bad Wurzach auf Anregung der Tochter der evangelischen Pfarrerin Barbara Vollmer-Backhaus, Nicoletta Backhaus. Diese hatte beim Theater »Die Tonne« ein Praktikum gemacht und war auf diese Idee gekommen. »Ein Theater sucht immer Orte, an denen es spielen kann. Und ich dachte mir, wieso nicht einfach in unserer Kirche?«, sagt Nicoletta Backhaus. Gleichzeitig diente die Vorführung einem guten Zweck. Die Einnahmen kommen nach Abzug der Unkosten der Renovierung der evangelischen Kirche zu Gute.

 

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