Das Schauspiel als Mysterium

von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 11.7.2026

 

Die Reutlinger Tonne spielt im Sommertheater »Shakespeare in Love« – das Stück zum Film zum großen Autor: eine himmlische Liebeserklärung an die Bühne.

 

Es geht martialisch zu an den Bühnen in England um 1600: Geldgeber pressen mit Schergen und Folterknechten aus Theaterbesitzern die letzten Pennys heraus. Stücke werden verkauft, ehe sie geschrieben sind, gerne auch an mehrere Auftraggeber gleichzeitig. Amouröse Nebenbuhler werden einfach erdolcht. Der Dichter als Hauptfigur – so wenig man von Shakespeare weiß, umso zündender ist diese fiktive Geschichte aus seinem Leben. Und umso zugkräftiger. Der Film »Shakespeare in Love« von 1998 hat sieben Oscars gewonnen, seit 2014 gibt es ihn als Bühnenstück. Und jetzt inszeniert Karin Eppler dieses als Reutlinger Sommertheater an der Tonne. Am Donnerstag war Premiere – zwei vergnügliche Stunden bei idealen äußeren Bedingungen open-air im Spitalhof.

 

Schauspielerei war verboten

 

Wie Millionen Kinogänger noch gut wissen dürften, geht es um die Entstehung von »Romeo und Julia«. Die Tragödie auf der Bühne ist an ein echtes Trauerspiel gekoppelt: Hauptfigur Viola De Lesseps möchte Schauspielerin werden. Weil das im elisabethanischen England strikt verboten ist, verkleidet sie sich als Mann – und verliebt sich im Theater unsterblich in den Dichter. Der wird durch die Affäre mit Viola von der Schreibblockade kuriert und schreibt sein berühmtes Drama parallel zu den Proben dafür.

 

Allein die beiden Hauptdarsteller Constantin Gerhards als Shakespeare und Trigal Sandberger Cañas als Viola sind den Abend wert. Und auch das übrige Ensemble, zumeist in Mehrfachbesetzungen, läuft bei der Premiere zu großer Form auf. Etwa Chrysi Taoussanis als Violas resolute Amme sowie als jovialer Theatermagnat Burbage.

 

David Liske spielt nachdenklich den Schriftsteller-Rivalen und Dichter-Freund Christopher Marlowe, der an Shakespeares Stelle ermordet wird, sowie den fiesen Geldgeber Fennyman, der bei den Proben zum Theaterfan mutiert und mit Fistelstimme selbst eine kleine Rolle aufsagen darf. Nicolas Eißler aus der Tonne-Jugendarbeit ist der morbide Jungdarsteller Webster, der fast die Proben und das Stück platzen lässt. Rupert Hausner glänzt als jovialer Theaterbesitzer Henslowe, Magnus Pflüger mimt unter anderem mit weißer Perücke den verkniffenen königlichen Hofmarschall Tilney, der am liebsten alle Theater schließen würde, und den titelgeilen Vater der Braut.

 

Wieder kein Happy-End

 

Der verkuppelt und verkauft Viola an Lord Wessex (Andreas Laufer), den Baron mit Plantagen in Übersee, der Viola heiraten und dorthin mitnehmen möchte. Im Gegenzug bekommt Familie De Lesseps den Adelstitel vom Lord. Tonne-Neuentdeckung Kristina Moiseieva spielt königlich Elisabeth I. Die kennt sich aus mit Frauen in Männerberufen und bringt das Finale auf den Punkt: Kein Happy-Ending! Wie alle unglücklichen Liebesgeschichten endet diese mit Tränen und einer Reise – aber auch mit dem Aufbruch des Autors zu einem neuen Klassiker.

 

Das Bühnenbild von Sibylle Schulze zeigt einen dreiteiligen Holzbau für die Theaterhäuser im Theater sowie oberhalb davon ein weißes Himmelbett für die himmlische Liebesgeschichte. Historisierende Kostüme, Renaissance-Musik – und zugleich ein heiteres Spiel mit Geschlechter-Identitäten: etwa, wenn die als Mann verkleidete Viola mit ihrem angeschmachteten Dichter bei den Proben innig das Küssen lernt. Frauen durften zu Shakespeares Zeit nicht auf der Bühne stehen. Entsprechend spielten Männer deren Rollen – im Stück Kevin Citozi gekonnt als Schauspieler Sam, der just zum falschen Zeitpunkt den Stimmbruch beendet und die weibliche Hauptrolle ausgerechnet bei der Premiere nicht mehr übernehmen kann.

 

Die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen im Theater jener Zeit sind ebenfalls ein Thema. Die Akteure werden am Gewinn beteiligt – leider bringt kein einziges Stück Überschüsse ein, heißt es. Zugleich spielt das Theater selbst eine Hauptrolle. Alles mag schiefgehen, das Haus geschlossen werden, Akteure mögen im letzten Moment ausfallen oder allen Text vergessen – am Ende kommt ein Stück heraus. »Es ist ein Mysterium«, sagt Magnat Henslowe als Running Gag.

 

Vielleicht zu schnell geschnitten

 

Der erste Teil der Reutlinger Inszenierung verläuft vielleicht ein wenig zu staccato-artig mit allzu eiligen Szenenwechseln, aneinandergereiht, so wie schnelle filmische Schnitte. Doch beginnend mit einer innigen Liebesszene der Protagonisten lässt sich die Inszenierung in der zweiten Hälfte mehr Zeit. Das kommt sowohl der Handlung als auch den Charakteren zugute. Und ja, auch das Shakespeare-Stück spielt mit, und die gezeigten Szenen aus Romeo und Julia sind nicht die schlechtesten des Abends. Vielleicht künftig doch mal wieder das Original?

 

 

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